von Alberto Fostini – Autor, ehem. Forstmann, über einen Schatz für Mensch und Natur
Die Vogelkirsche (Prunus avium L. subsp. avium), ein Mitglied der Familie der Rosengewächse, ist seit Jahrtausenden ein ständiger Begleiter im Leben des Menschen. Ihr wissenschaftlicher Name avium leitet sich vom lateinischen Wort avis ab und enthüllt sofort ihre tiefste Verbindung: Sie ist die „Kirsche der Vögel“, die die ersten und treuesten Bewunderer ihrer Früchte sind.
Im Mosaik unserer Kulturlandschaft spielt dieser Baum eine wesentliche Rolle. Wenn es um Ästhetik und Geschmack geht, steht die Vogelkirsche an vorderster Front: Sie ist der Urvater, von dem alle heute kultivierten Süßkirschensorten abstammen. Obwohl sie von ihren gezüchteten Nachkommen kaum zu unterscheiden ist, erkennt man die Wildform an ihrer schlankeren und eleganteren Krone. Ihre Früchte, kleine Juwelen von etwa 1 cm Durchmesser, bieten einen authentischen Geschmack und sind ein Konzentrat gesundheitsfördernder Eigenschaften.
Doch das wahre Spektakel ereignet sich zwischen März und April. Ihre Blüte bleibt nie unbemerkt: Eine strahlend weiße Wolke erhellt die Landschaft und erfreut das Gemüt – mit einer Faszination, die der berühmten Kirschblüte in Japan in nichts nachsteht.
Der Sommer bringt begehrte Früchte hervor – kostbare Schätze, die für uns Menschen aufgrund ihres Nährwerts wertvoll und auch in der Tierwelt als Delikatesse hochgeschätzt sind. Doch der Weg bis zur Reife ist ein Hindernislauf: Die Kirsche muss Spätfrösten, Regenfällen während der Blüte, Trockenheit und Hagel trotzen sowie dem Befall von Insekten und Parasiten widerstehen. Im Obstbau entstehen die süßen Sorten fast immer aus der Begegnung zweier Welten: Besonders blühfreudige Zweige werden auf die Vogelkirsche veredelt, die als robuste Unterlage dient. Um das Wachstum des Baumes zu begrenzen, greift man teils auf schwachwüchsige Wildarten wie die Steinweichsel (Prunus mahaleb) zurück.
Mit dem Einzug des Herbstes offenbart die Vogelkirsche ihre spektakulärste Seite und entzündet ein leuchtendes Feuerrot. Es ist wohl der ästhetische Höhepunkt dieses Baumes: Die Blätter nehmen Schattierungen an, die von brillantem Orange bis hin zu flammendem Rot reichen. So schenkt sie der Landschaft Ende Oktober einen farblichen Glanzpunkt, der an den nordamerikanischen „Indian Summer“ erinnert – wo jedoch, im Gegensatz zu unseren Breiten, die Ahornbäume die Szenerie mit ihren feurigen Tönen dominieren."
Hier im Überetsch besiedelt die Vogelkirsche Waldränder und Lichtungen und fügt sich harmonisch in gemischte Waldgesellschaften ein, wo Laub- auf Nadelhölzer treffen. Man findet sie in Gesellschaft von Eichen, Hopfenbuchen, Buchen, Ahorn und Linden oder – entlang von Wasserläufen – an der Seite von Erlen und Ulmen. Als wärmeliebende Pflanze toleriert sie Halbschatten und stellt geringe Ansprüche an den Nährstoffhaushalt; ihre Robustheit erlaubt es ihr sogar, als Pionierbaumart auf Geröllhalden Fuß zu fassen. Dank ihrer Hitze- und Trockenheitsresistenz scheint die Vogelkirsche tendenziell von klimatischen Veränderungen zu profitieren und gewinnt gegenüber anderen Baumarten an Wettbewerbsfähigkeit.
Die Krone eines ausgewachsenen Exemplars kann über eine Million Blüten tragen: ein immenser Nektarschatz, der im erwachenden Frühjahr Bienen, Hummeln und unzählige andere Bestäuber anlockt, was sie zu einer äußerst wertvollen Pflanze für Imker macht. Wenngleich sie anpassungsfähig ist, bevorzugt sie frische, mittel- bis tiefgründige und nährstoffreiche Böden – auch alkalische, lehmige und Mullböden – und trotzt in den Alpen Höhenlagen bis zu 1700 Metern.
Aufgrund ihrer ausgeprägten Fähigkeit zur Naturverjüngung kann diese Art dominante Kirschenwälder bilden, die lange Zeit benötigen, um sich natürlich zu Eichen- und Buchen-Schlusswaldgesellschaften weiterzuentwickeln. Trotz dieser außergewöhnlichen Eigenschaften spielte die Vogelkirsche unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in der unserer Forstwirtschaft kaum noch eine Rolle. Man zog es vor, sie aus rein wirtschaftlichen Gründen durch die Fichte zu ersetzen. Doch gerade die Fichte ist heute stark in Mitleidenschaft gezogen, während – nüchtern betrachtet – 1 m³ Kirschholz durchaus den zehnfachen Wert einer Fichte erreichen kann.
Heute haben wir die Gelegenheit, diesen Fehler wiedergutzumachen. In einem geschlossenen Bestand und auf fruchtbaren Böden wächst die Kirsche sehr schnell; sie kann eine Höhe von über 30 Metern erreichen (im Freistand bis 20–25 m) und ein Alter von 150 Jahren erzielen. Während meiner beruflichen Laufbahn entdeckte ich im Montigglerwald (Ortschaft Fuscalai, Gemeinde Kaltern) ein besonderes Exemplar: 36 Meter lang, mit einem Durchmesser von über 95 cm und fast ein Jahrhundert alt. Der Baum war völlig gesund, wurde jedoch vom Wind entwurzelt, da er am Rande einer großen Kahlschlagfläche stand (die mit Fichten aufgeforstet worden war, welche dann noch als Jungpflanzen durch Milbenbefall abstarben) – eine Lage, die ihn extrem anfällig für Unwetter machte.
Bereits seit dem 16. Jahrhundert ist Kirschholz ein Synonym für hochwertigen Möbelbau. Es besticht durch prächtige Farben sowie Maserungen und lässt sich hervorragend bearbeiten. Heutzutage wird es überwiegend als Furnier, aber auch sehr gern als Massivholz eingesetzt; wir finden es in vielen Alltagsgegenständen wie Schränken, Schreibtischen, Stühlen und Polstermöbeln wieder. Im exklusiven Innenausbau werden repräsentative Geschäfts- und Büroräume durch Parkett, Wand- und Deckenverkleidungen oder Einbaumöbel aus Kirschholz veredelt.
Die warme Tonalität dieses Holzes ermöglicht unendliche Kombinationen mit anderen Holzarten und bietet Kunsttischlern reizvolle Kontraste für Intarsien und Ornamente. Es ist zudem ein ideales Material für Bildhauer-, Schnitz- und Drechslerarbeiten. Zu den zahlreichen Verwendungsbereichen gehören auch der Musikinstrumentenbau und die Herstellung edler Zierartikel: Bürstenrücken, Messerhefte, Schmuck und kostbare Schatullen.

Auch die Heilkunde und die Volksmedizin ziehen Nutzen aus diesem Baum: Die Kirschenstängel sind als wirksames harntreibendes und nierenanregendes Mittel bekannt, während Kirschkernkissen derzeit eine Renaissance als natürlicher Wärmflaschenersatz erleben. Schließlich schneidet man für die Tradition der „Barbarazweige“ am 4. Dezember einige Zweige ab: In einer Vase im Haus aufgestellt, blühen sie – mit etwas Glück – pünktlich zu Weihnachten.

