Über die kleinen Ökosysteme, Biodiversität und den Schutz der Natur. Von Alberto Fostini, Buchautor und ehemaliger Forstmann
Mit besonderem Augenmerk auf die Laubwälder der Talsohle in Überetsch und Unterland
Foto: Die Rotbuche gehört sie zu den wirtschaftlich bedeutendsten Laubhölzern Mitteleuropas. Mancherorts wird sie noch als die Mutter des Waldes genannt, da das Laub sowie die tiefen weitreichenden Wurzel bereichern und pflegen den Boden mit wertvollen Nährstoffen.
Es ist ermutigend, dass sich immer mehr Menschen für die Belange der Natur interessieren und über den eigenen Tellerrand hinausschauen wollen. Das bedeutet, dass all die natürlichen Ökosysteme, von denen die großen Wälder und Feuchtgebiete wesentlicher Bestandteil sind, immer mehr an Bedeutung gewinnen. In der Tat sind die weltweiten Waldgebiete so etwas wie die Lunge des Planeten und ein unverzichtbarer Bestandteil für ein stabiles Klima, für den Feuchtigkeitskreislauf, für die Wolkenbildung, Wohnstätte unzähliger Lebewesen und Lebensunterhalt für viele Menschen, alles hängt zusammen... Wenn wir dieses Gleichgewicht weiter stören bzw. durchbrechen, meist aus Profitgier oder anderen Gründen, wird es über kurz oder lang auf unserem Planeten immer problematischer werden, was Klima, Gesundheit und anderes angeht. Sind wir womöglich dabei, unsere "Zukunft“ auf Sand zu bauen, ohne an den Morgen zu denken?
Das globale Wirtschaftssystem der „reichen“ Länder stützt sich nämlich zu etwa 2/3 auf die Ausplünderung großer Primärwälder und Feuchtgebiete, durch große Monokulturen und sonstige Eingriffe. Ressourcen wie die Rohstoffe Boden, Wasser, Luft, Wälder usw., die die Grundlage unseres täglichen Lebensbedarfs und wachsenden Wohlstands bilden, werden vermehrt genutzt bzw. verbraucht. Der Raub natürlicher Ressourcen, die Konkurrenz um ihre Verknappung sowie die Ausbeutung von Menschen nehmen demzufolge weltweit stetig zu. Doch auch die kleinen Ökosysteme bzw. Lebensgemeinschaften in unserer Umgebung werden schrittweise immer stärker in Mitleidenschaft gezogen. Zunächst scheinen es kleine, belanglose Eingriffe zu sein, in der Summe jedoch werden sie, Schritt für Schritt, zu riesigen Arealen, die wiederum in unmittelbarer Wechselwirkung mit dem Klima stehen und unser Landschaftsbild und Heimat unwiederbringlich verändern. Darüber hinaus sind jene kleinen Ökosysteme (1) sowie die traditionellen Kulturlandschaften Lebensinseln für zahllose Tier- und Pflanzenarten, die die nötigen Wanderrouten und die genetische Vielfalt garantieren.
N.B.: (1) Die kleinen Ökosysteme beziehen sich auf Hecken, Streuwiesen, Trockenmauer, Trockenrasen, Baumreihen, Feldgehölze, Wassergräben sowie Gemüsegärten, u.a.
Sie sind nicht nur schön fürs Auge, sondern Bindeglieder zu größeren Ökosystemen, um die Biodiversität (2) zu bewahren.
(2) Unter Biodiversität versteht man die Vielfalt aller lebenden Organismen, Lebensräume und Ökosysteme sowie die Beziehungen unter den lebenden Organismen.

Foto: Der gelbe Frauenschuh ist die attraktivste Orchidee in unseren Breiten. Sie bevorzugt kalkhaltige Böden. Doch die Bedingungen werden zunehmend schwieriger. Durch intensive Forst- und Landwirtschaft schwinden die halbschattigen Standorte, die der Frauenschuh benötigt.
Diese kleinen Nischen sowie die Kulturlandschaften waren das Ergebnis jahrtausendealter bäuerlicher Weisheit und Erfahrung auf dem Land, die in wenigen Jahrzehnten durch Maschinen und Chemikalien verwüstet worden sind.
Der Fokus medialer Aufmerksamkeit richtet sich heute lediglich auf den Klimawandel, ohne dessen wahre Ursachen zu ergründen. Letztlich ist dieser Zustand, neben naturbedingten Faktoren, auf die systemische Übernutzung, Verschmutzung und Zerstörung natürlicher Ressourcen und Ökosysteme zurückzuführen.
Dabei stehen die Armeen der Welt und alle Kriege, die heute noch global geführt werden, an erster Stelle, wenn es um die Schäden geht, die den Selbsterhaltungssystemen der Natur zugefügt werden.
Allerdings gehört die Natur nicht uns, sie ist uns nur auf befristete Zeit zum guten Gebrauch anvertraut worden. Seit Beginn dieses 21. Jh. ist das Wort „Natur“ auf allen Ebenen und in allen Gremien allgegenwärtig, und der Umweltschutz scheint zum zentralen Leitfaden unserer Zivilisation geworden zu sein: das Projekt des Menschen zur "Rettung der Natur". Klimaschutz und das weitläufige Konzept Nachhaltigkeit und Biodiversität sind omnipräsent. Die Natur ist jedoch zu einem Zeitpunkt wiederentdeckt worden, wo es sie in ihrer Ursprünglichkeit nicht mehr gibt, und auch der Stellenwert, der ihr beigemessen wird und die Beziehung zu ihr, sind nicht mehr das, was sie einst waren! Worauf bezieht sich heutzutage das scheinbar einfache Wort "Natur"? Was ist Natur? Urwald? Naturpark oder Zoo ohne Zäune konzipiert? Vielleicht die Sehnsucht nach dem Landleben vergangener Zeiten oder nach Ruhe und Frieden unberührter Landschaften, bevor sie von Straßen, Autos, Hotels und Menschen überschwemmt wurden? Die ersehnte Natur im Sinne von Stille, von Wildbächen, Wasserfällen und hohen Bergen, von innerer Einkehr? Oder so, wie sie in den Touristenkatalogen der Welt angepriesen wird? Darum ist es heute so wichtig, beim Thema Natur gut informiert zu sein, für mündige Bürger muss die Kommunikation, objektiv, fachlich und frei sein.
Ein guter Ansatz könnte es sein, von den Monokulturen zur Artenvielfalt, vom monokulturellen Denken zur ganzheitlichen Sichtweise überzugehen.
Die Menschen haben schon immer ihre Umwelt stark beeinflusst, hier ein paar Beispiele aus der Umgebung Überetsch und Unterland: Die Buchenwälder in Südtirol machen nur 1,2 % der Baumarten aus und bilden die letzten Ausläufer vom Gardasee gen Norden. Also sehr wenig, sodass diese „Baumgemeinschaften“ tatsächlich eine kleine Nische, ein Kleinod darstellen. Da Buchenwälder rar und wertvoll sind, sollen sie auf jeden Fall erhalten bleiben. Und wenn sie zur Holzproduktion genutzt werden, was auch ganz normal ist, ist ihre natürliche Verjüngung zu unterstützen.
Die Rotbuche (Fagus sylvatica) gedeiht am besten auf basenreichen bis karbonathaltigen, frischen Standorten und ihre letzten Ausläufer befinden sich im Südtiroler Unterland, etwa zwischen 450 und 1300 m. ü. M. Umgangssprachlich
wird sie gewöhnlich als Buche bezeichnet und der Name „Rot“ bezieht sich auf die leicht rötliche Färbung des Holzes. Sie ist die einzige in Mitteleuropa heimische Buchenart.
Mancherorts ist sie noch heute als die „Mutter des Waldes“ bekannt. Das herabfallende Laub und die sich tief ausbreitenden Wurzeln reichern den Boden mit wertvollen Nährstoffen an. Die Buche erträgt den Schatten sehr gut und bildet schattenspendende Wälder, ein eigenes Mikroklima, das die Wasserverdunstung des Bodens verringert und für ein kühles Klima in den Sommermonaten sorgt.
Im Überetsch (Mendelgebiet) und im Naturpark Trudnerhorn (Schattenhänge Cislon) wachsen die größeren Bestände Südtirols - teils pur, teils gemischt. Es sind vor allem öffentliche Wälder, sie gehören also der Allgemeinheit.
Aus hydrogeologischer Sicht ist der gesamte Mendelkamm ein großes Einzugsgebiet. Der durchlässige Kalkstein lässt das Wasser tief bis ins undurchlässige Porphyrgestein gelangen. An diesen Hängen gibt es mehrere ausgewiesene und geschützte Wasserfassungen, die einerseits sauberes Trinkwasser liefern und andererseits das Regenwasser zur Aufrechterhaltung des Grundwasserspiegels und zur Speisung des Kalterer Sees in der Talsohle beitragen.
Im Laufe der Jahrhunderte wurden ihre Bestände, die meistens im Einzugsbereich menschlicher Siedlungen lagen, stark benutzt (Holzkohle, Kalkhöfen, Streugewinnung, Beweidung, Bau-und Brennholz). Sie sind insgesamt heute geschwächt und auch an Buchen verarmt. Waldbaulich wurden große Flächen als Niederwald behandelt und die Stöcke sind häufig überaltert und kaum fähig auszutreiben. Ähnliches geschah mit der Eiche, die durch die Jahrhunderte zunehmend von Kiefernwäldern verdrängt wurde (wie es im bekannten Montigglerwald der Fall ist).
Zu Zeiten der österreichisch-ungarische Monarchie war die Buche sehr geschätzt und es gab eine Verordnung, Tische, Stühle und andere Schulgegenstände aus Buchenholz herzustellen. Daher werden noch heute diese Schulmöbel hauptsächlich aus dieser Holzart hergestellt. Im 19. Jh., ebenfalls z.Z. der österreichisch-ungarischen Monarchie, wurde in Südtirol eine Verfügung an die Waldbesitzer erlassen, die Weißtannen (Abies alba) aus den Wäldern zu entfernen, da sie damals als ungeeignet für die Holzproduktion angesehen wurden! Andererseits setzte man aus ökonomischen Gründen zunehmend auf große Fichtenmonokulturen (Picea excelsa), deren Bestände mittlerweile, nicht zuletzt wegen ihrer Anfälligkeit gegenüber Stürmen, Trockenheit und Schädlingen stark beeinträchtigt sind, und zwar europaweit (Flachwurzler und wärmeempfindlich, usw.). Es ist also ein vom Menschen selbst geschaffenes Problem. Während die Weißtanne bisher problemlos gedeiht und sich im Überetscher Mitterberg seit längerer Zeit sogar auf natürliche Weise gut vermehrt! Sie hat ein tiefes, üppiges Wurzelapparat, was für den Wald von großem Vorteil ist.
In den Jahren 2018 und 2019 konnten durch die Umweltgruppe Kaltern EO einzelne monumentale Kastanien mit 35 m Höhe und einem Durchmesser von über 1 m sowie Rotbuchen mit einer Höhe von über 45 m und einem Durchmesser von beinahe 1 m unter Landschaftsschutz gestellt werden. Dies waren die letzten großen Exemplare ihrer Art.
Als ich vor fast 50 Jahren als junger Forstmann bei der Landesforstverwaltung im Unterland zu arbeiten begann, fiel mir auf, dass diese ausgedehnten Laubmischwälder sehr oft künstlich und hauptsächlich mit Fichten aufgeforstet wurden. Auf meine Frage, warum man in den warmen Laubwäldern der Talsohle auf Fichtenmonokulturen setze, antwortete ein damals hochrangiger Forstbeamter explizit, dass dies keine Wälder seien, sondern Staudenwälder, also wertlos und somit künstlich aufzuforsten. Dies war einfach die vorherrschende, eher kurzsichtige Sichtweise, die ich damals erlebte. Mehr oder minder oft hält sich diese irrtümliche Annahme, dass Laubmischwälder von geringem Wert seien, auch heute noch in der kollektiven Wahrnehmung. Das Gleiche gilt heute wie damals, als ich oft hörte, dass Wälder sauber gehalten werden müssen (vom Totholz, Unterholz, usw.), da sie sonst nicht gut gedeihen und verkümmern. Aus biologischer Sicht macht das keinen Sinn, das Gegenteil ist der Fall.
Dieses Phänomen, das es in der Vergangenheit gab, scheint heute Geschichte zu sein, zumindest bei uns. In unserem Land hat sich die offizielle Forstwirtschaft nunmehr für eine naturnahe Lösung entschieden, indem der hohe Stellenwert des Ökosystems "Wald" auf allen Ebenen mehr und mehr anerkannt wird.
Im Mittelpunkt steht nun die nachhaltige Entwicklung der Wälder und alles, was damit zusammenhäng, wobei die natürliche Verjüngung und einheimische, standortgerechte Arten bevorzugt werden. In den tiefer gelegenen Lagen werden vor allem Laubbäume zunehmend gefördert.
