Klima, Natur - Perspektiven

Stolz, mächtig, unvergänglich – Kalterns dickste Kastanien

Eine Beschreibung der Edelkastanie (Castanea sativa) von  Alberto Fostini (ehem. Forstmann, Autor und Schüler im Buch der Schöpfung)

Schon die Römer brachten die Edelkastanie (Castanea sativa), die ursprünglich aus Kleinasien stammt, vor 2.000 Jahren ins Überetsch – und mit ihr eine tief verwurzelte Weinkultur. Entlang der antiken Kaiserstraße Via Claudia Augusta verfeinerten und verbreiteten sie den Weinbau in der Region. Auf dem sauren, vulkanischen Porphyrgestein gedeihen die Kastanienhaine prächtig als Hoch- oder Niederwald.

Sie sind eng mit der Weinkultur verbunden, da ihr Holz wegen seiner hohen Haltbarkeit traditionell und noch heute für Weinbergpfähle und Weinfässer genutzt wird. Historisch fand das edel gemaserte Holz auch im Möbelbau und die gerbstoffreiche Borke zum Ledergerben Verwendung – eine Verbindung von Natur und Handwerk, die heute oft unbewusst im herbstlichen Brauch des Törggelens bei Wein und gerösteten „Keschtn“ weiterlebt.

Ein besonders prachtvolles Exemplar steht im Unteren Berg der Gemeinde Kaltern: Diese beeindruckende Kastanie ist über 200 Jahre alt, kerngesund und wächst majestätisch in unserer Kulturlandschaft. Durch den Einsatz der Umweltgruppe Kaltern EO konnten dieser Monumentalbaum sowie weitere Baumriesen unter Schutz gestellt werden. Solche Methusalems können ein stolzes Alter von 500 bis zu 1.000 Jahren erreichen.

Mit ihren mächtigen, knorrigen Stämmen prägen diese Riesen das Landschaftsbild rund um Kaltern. Als Verein setzen wir uns aktiv für den Erhalt dieser Naturdenkmäler sowie für die Stärkung der Widerstandskraft unserer heimischen Wälder ein. Wenn die Bäume im Juni in voller Blüte stehen, erfüllen sie die Luft mit ihrem charakteristischen, intensiven Duft. Für unzählige Honig- und Wildbienen öffnet sich dann eine lebenswichtige Futteroase mit reichlich Pollen und Nektar.

Gerade bei den heutigen Wetterschwankungen erweist sich die wärmeliebende Edelkastanie als wertvoller Zukunftsbaum, da sie gut mit den veränderten Bedingungen zurechtkommt und stabile Waldökosysteme sichert.

Diese Wälder in den niederen Höhenlagen werden das ganze Jahr über von Einheimischen und Gästen besucht, die in unserer schnelllebigen Welt hier neue Kraft schöpfen und Ruhe finden. Diese Baumriesen sind unverzichtbare Lebensräume – wahre Hotspots der Biodiversität – für Vögel, Fledermäuse und Insekten sowie Kraftorte für die Menschenseele – ein Mikrokosmos im Makrokosmos. Jahrhundertelang waren ihre nahrhaften Früchte in mageren Zeiten zudem ein überlebenswichtiges Grundnahrungsmittel für die Bevölkerung. Doch auch in der Naturapotheke fand die Kastanie gute Verwendung: Ihre gerbstoffreichen Blätter lindern als traditioneller Tee Husten, Atemwegserkrankungen und Magenbeschwerden.

Diese Baumart hat trotz Krankheiten – wie dem Kastanienrindenkrebs oder der Tintenkrankheit –, die sie immer wieder bedrohen, die Jahrtausende überdauert. Es liegt in unserer Hand, dieses lebendige Erbe stolz für kommende Generationen zu bewahren.

GLOBALE HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE WÄLDER?

Ein Blick über die Gemeindegrenzen zeigt, wie gefährdet die Wälder sind. Ein anschauliches Video beleuchtet die Ursachen europäischer und globaler Waldbrände, siehe Link:

https://youtu.be/c449rA703Dg?is=R5R1MQnW7X-mkpJQ

Es stellt sachlich klar: Hauptverantwortlich ist meist der Mensch – nicht nur durch Brandstiftung.

Schon vor Jahrtausenden begannen im Mittelmeerraum und in Mitteleuropa großflächige Eingriffe durch die Rodung der ursprünglichen Lauburwälder – hauptsächlich Eichen und Rotbuchen–-, obwohl Europa noch vor 2.000 Jahren bis weit in den Norden von diesen gewaltigen, dichten Wäldern bedeckt war.

Die dadurch entstandenen offenen Landschaften trockneten massiv aus. Heute nehmen künstliche Monokulturen – wie Kiefern, Fichten, Eukalyptus – und intensive Nutzung den Wäldern die letzte Widerstandskraft, während Hitze und Trockenheit Brände beschleunigen. Naturnahe Laubwälder – wie z. B. die Buchen in unseren Breiten – kühlen sich dagegen selbst, speichern Feuchtigkeit und brennen praktisch nicht.

Es zeigt sich: Die klimatischen Veränderungen verstärken zwar die Krise, doch der größte Feind des Waldes ist der Mensch selbst – indem er seit Generationen die natürlichen Schutzschilde zerstört, künstliche Plantagen wie Benzinfässer in der Landschaft verteilt und die selbstlöschende Kraft natürlicher Laubwälder ignoriert – obwohl diese biologisch eine spätere evolutionäre Entwicklung und deutlich anpassungsfähiger sind als Nadelbäume.

DER AUSWEG: EINE NEUE, EHRLICHE NATURBEZIEHUNG

Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen meinen jüngsten Essay über Natur und Klima ans Herz legen: „Leihgabe auf Zeit: Plädoyer für eine ehrliche Naturbeziehung“.

Deutsch: https://www.habitvital.net/de/natur/natur-und-klima/klima-natur-perspektiven/zu-den-feldern-und-zur-erde

Italienisch: https://www.habitvital.net/it/natura/clima/la-natura-ed-il-clima-prospettive/verso-i-campi-e-verso-la-terra.

Als ehemaliger Forstmann ist die Natur für mich die erste und beste Lehrmeisterin. In einer zunehmend chaotischen Welt kam ich nicht umhin, diese Gedanken niederzuschreiben. Der Ansatz: Statt Klimapanik brauchen wir echten Natur- und Umweltschutz durch einen von Selbstverantwortung geprägten Lebensstil, bei dem jeder im Alltag seinen kleinen Beitrag leistet.

Eine naturgemäße Lebensweise ist die absolute Grundlage für unser Wohlbefinden, unsere Gesundheit und unsere Prosperität. Ganz nach dem Motto: Man schätzt und schützt, was man liebt – und man liebt nur, was man versteht!

Bilderbeschreibung: Edelkastanie (Castanea sativa) – Ursprung: Kleinasien. Alter: 500 bis 1000 Jahre. Sie liebt Wärme und kommt gut mit Wärme zurecht. Die Früchte waren in Hungerzeiten ein überlebenswichtiges Grundnahrungsmittel und die Blüten sind eine wertvolle Bienenweide. Kastanienholz: Beliebt wegen Maserung und Haltbarkeit; Borke historisch zum Ledergerben genutzt.

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